Klett-Cotta-Verlag Psychology
Wissenschaft

Die transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen als alternativlose Tatsache?

Das Mutmachen für die Gegenwart als elementarer Bestandteil traumasensibler Elternarbeit


August 2017, 11. Jahrgang, Heft 3, pp 234-244

DOI 10.21706/tg-11-3-234



Zusammenfassung
In einer fallrekonstruktiven Studie zu den Lebensverläufen komplex traumatisierter Frauen mit Kindern zeigte sich, dass die interviewten Mütter die transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen als alternativlose Tatsache erleben. Dies ging mit starken Schuldgefühlen und Selbstabwertungen einher.
Die Analyse des biografischen Verlaufs der Frauen offenbarte jedoch auch Prozesse des Selbstverstehens, die durch Wissensbestände der Psychotraumatologie (u. a. zu Dissoziation und Innere-Kind-Arbeit) angestoßen wurden. Diese Selbstverstehensprozesse boten den Frauen dann Ausgangspunkte für eine Veränderung transgenerationaler Beziehungen.
Außerdem wurde die Bedeutung Zuversicht spendender Arbeitsbeziehungen zu Fachkräften der psychosozialen Praxis deutlich. In solchen Beziehungen konnten sich die interviewten Mütter sukzessive von der von ihnen erlebten Alternativlosigkeit distanzieren.

Abstract
The transgenerational transfer of trauma as an unavoidable fact? Encouragement for the present as a basic component of traumasensitive counselling with parents
In a study based on biographies of mothers suffering from complex trauma, the transgenerational transfer of trauma was experienced as unavoidable by the interviewees. These experiences were accompanied by strong feelings of guilt and self-devaluation.
However, processes of self-understanding, initiated through psycho-traumatological concepts (e. g. dissociation, Inner Child work), were seen as well. Through these processes of self-understanding, mothers with complex trauma were enabled to begin to change their transgenerational relationships.
An additional finding was the significance of specific working relationships with psychosocial professionals. Through these encouraging relationships, the interviewed women could gain self-confidence and gradually distance themselves from their feelings of inevitability about their current situation.

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https://doi.org/10.21706/tg-11-3-234

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