Klett-Cotta-Verlag Psychology
Wissenschaft

»Nach den Haftunterlagen war das Verhalten der Klägerin problemlos . . .«

Rückendeckung für die Diskreditierung von DDR-Unrechtsopfern durch richterliche Fehlbeurteilung in Sachsen-Anhalt: Ein Fallbericht


Mai 2017, 11. Jahrgang, Heft 2, pp 130-146

DOI 10.21706/tg-11-2-130



Zusammenfassung
An einem Fallbeispiel wird verdeutlicht, dass die Entschädigung für Gesundheitsstörungen nach politisch motivierter Haft in der DDR im Bundesland Sachsen-Anhalt durch institutionelle Barrieren sowohl auf der Ebene der Versorgungsämter als auch auf der Ebene der Gerichtsbarkeit auch noch heute behindert wird. Frau M. war Anfang der 1980er-Jahre sieben Monate lang wegen versuchter Republikflucht inhaftiert. Inzwischen leidet sie seit Jahren unter einer komplexen psychischen Folgeerkrankung mit psychotischen Episoden. Deren erstinstanzliche Anerkennung wurde durch das Landessozialgericht ohne Zulassung einer Revision verworfen. Gestützt wurde diese Ablehnung zum einen durch ein völliges Fehlen der Einbeziehung historischer Forschungsergebnisse über traumatogene Aspekte der Haftbedingungen in der DDR, und zum anderen durch eine weitgehende Nicht-Zurkenntnisnahme des aktuellen Forschungsstandes auf dem Gebiet der Psychotraumatologie, in Verbindung mit einer Diskreditierung der Glaubwürdigkeit des ehemaligen Haftopfers.

Abstract
»According to the imprisonment documents the behavior of the petitioner was without any problems . . .« Covering for the degradation of victims of GDR injustice by judicial wrongdoing in Saxony-Anhalt: A case history
The indemnity for health damages caused by politically motivated imprisonment during the GDR is still impaired today by institutional barriers as well on the level of pension office as on the level of jurisdiction in the federal state of Saxony-Anhalt. This is demonstrated by the case history of Ms. M. who has been imprisoned at the beginning of the 1980s for about seven months because of her attempt to leave the GDR by flight through the Iron Curtain. Meanwhile she suffers from the long-term sequelae of her imprisonment in form of a complex psychic posttraumatic disorder with psychotic episodes. The recognition of these health problems as caused by the imprisonment at the court of first instance was finally disallowed by the higher social court. This decision was based on the one hand on the complete neglect of actual research results of historical science on traumatic aspects of politically motivated GDR imprisonment and on the other hand on the denial of the state of the art of psycho-traumatological research in imprisonment victims, both combined with the degradation of the personal credibility of the victim.

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