Professor Onno van der Hart ist einer von Europas führenden
Traumaforschern mit internationalem Renommee. Er war unter anderem
Onno van der Hart unterstützt zahlreiche
KollegInnen als Supervisor und Ausbilder in ihrer Arbeit mit komplexen traumabedingten
Störungen.
Seit etlichen Jahren arbeitet er zusammen
mit den Kollegen Dr. Ellert Nijenhuis und Kathy Steele an einem theoretischen
Ansatz für die Strukturelle Dissoziation der Persönlichkeit und für ein Traumabehandlungsmodell.
Die Übersetzung des Buches, das diese Theorie zusammenfasst („The haunted
Self“) erscheint 2007 beim Junfermann Verlag in Paderborn.
Michaela Huber, selbst Traumatherapeutin,
Supervisorin und Ausbilderin, die van der Hart seit Jahrzehnten kennt und
schätzt, besuchte den bescheidenen Gelehrten und Psychotherapeuten in seinem
kleinen, von Akten überquellenden Arbeitszimmer an der Universität Utrecht. Van
der Hart versteht sehr gut deutsch; seine Antworten wurden aus dem Englischen
übersetzt.
Huber: Onno, du bist
Van
der Hart: Oh ja, das
stimmt.
Huber:
... und da
wissenschaftliche Erkenntnisse, wie du sie entwickelt und weiterentwickelt
hast, häufig aus einem bestimmten zeitgeschichtlichen, politischen und auch
persönlichen Zusammenhang heraus verstanden werden können – siehst du eine
Linie in deinem Leben, die dich dahin gebracht hat, Traumaforscher und Traumatherapeut
zu werden?
Van
der Hart: Meine Eltern
waren im Widerstand gegen die Nazis aktiv, sehr aktiv. Sie versuchten, gegen
die Verzweiflung anzukämpfen, so wenig tun zu können gegen das, was die
Naziverbrecher den Juden und anderen Menschen in den Niederlanden und in ganz
Europa antaten. Natürlich hat sich die ständige Anspannung auf mich ausgewirkt,
die immer mit Händen zu greifen war. Die Gewalt, die Verfolgung, die Hausdurchsuchungen
durch die Gestapo, die Geschichten, die zu Hause erzählt wurden… Das alles hat
sicher meine Suche nach Erklärungen und wirksamer Hilfe untergründig angeregt.
Huber: Du sagst untergründig – es gab also
keinen direkten Weg von dieser Erfahrung bis dahin, „dein Thema“ zu finden?
Van
der Hart: Nein, fast im
Gegenteil: Ich war schon ungefähr acht Jahre als klinischer Psychologe tätig,
als mir allmählich klar wurde, wie sehr Erfahrungen von häuslicher Gewalt –
sexueller und körperlicher und emotionaler Gewalt - bei vielen Ratsuchenden
eine Rolle spielten. Ganz genau erinnere ich mich an eine Klientin, das muss
etwa 1978 gewesen sein, die mir erzählte, sie sei von ihrem Onkel sexuell
missbraucht worden. Meine einzige Reaktion bestand darin, sie erstaunt
anzusehen und „Oh!“ zu sagen – ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie ich diese
Information verstehen, in welchen Bezugsrahmen ich sie setzen sollte.
Huber: Und diese Patientin hat dich sozusagen
auf den Weg gebracht? Konntest du dich mit ihr zusammen in der Hinsicht weiter
entwickeln?
Van
der Hart: Leider ganz
und gar nicht, noch nicht. Im Gegenteil, ich glaube, meine schlichte
„Oh“-Reaktion und die Tatsache, dass ich dann einfach zur Tagesordnung
übergegangen bin, hat sie verletzt, was mir bis heute leid tut. Erst allmählich
habe ich dann erkannt, dass – wie es heute noch manche Kollegen tun – die
Ignoranz dieses wichtigen Themas eine Quelle der Retraumatisierung für diese
Klientinnen sein kann.
Huber:
Heutzutage kann es ja schon als Kunstfehler gelten, das Thema nicht
aufzugreifen, wenn es von den Patienten und Patientinnen benannt wird, aber
damals dachte man ja noch, sexuelle Gewalt sei etwas „ganz Seltenes“.
Van
der Hart: Mein
Wissensstand damals war noch schlechter. Ich dachte nicht nur: „Das ist etwas
ganz Seltenes“, auch nichts in meiner Lebensgeschichte, meiner Familie oder den
Erzählungen anderer Menschen hatte mich darauf vorbereitet. Und leider gab es auch
so gut wie nichts darüber in der Fachliteratur. Was ich damals noch nicht
wusste:
Huber: Wie bist du dann auf die Arbeiten von
Pierre Janet gestoßen? Haben dich seine Schriften eher theoretisch
interessiert?
Van
der Hart: Es gab zwei
Bücher, die mich zu ihm führten, und ich weiß nicht mehr, welches ich zuerst
gelesen habe. Das eine ist von Ernest Hilgard: „Divided consciousness“, das
andere von Henry Ellenberger: „Die Entdeckung des Unbewussten“. Hilgard hat
sich ausdrücklich auf Janets Dissoziationstheorie bezogen und beschrieb einige
von Janets klinischen Fällen in solcher Klarheit, dass ich sofort dachte: „Dies
hier ist etwas äußerst Wesentliches“. Ich mochte Janets aktiven Zugang in der
Behandlung seiner PatientInnen sofort, auch seinen tiefen Respekt für sie, und
den kreativen Weg, wie er sich jeder einzelnen Patientin näherte und versuchte,
ihr gerecht zu werden. Mein klinischer und theoretischer Zugang war bis dahin
recht eklektisch, natürlich mochte ich auch zum Beispiel die strategischen und
direktiven Vorgehensweisen von Milton Erickson und Paul Watzlawick Wenn die meine klinischen Väter waren, so
entdeckte ich in Janet sozusagen meinen klinischen und intellektuellen
Großvater. Ellenbergers Buch war dann einfach eine Freude, ein großartiges Buch
über die Entstehung der modernen Psychotherapie. Es enthält ein wunderbares
Kapitel über Janet, dessen klinische Beobachtungen, therapeutische Neuerungen
und theoretische Beiträge bedauernswerterweise lange Zeit ignoriert wurden.
Huber:
Hat dir Janets
Definition von Dissoziation als „Aufteilung von Systemen und Funktionen, aus
denen sich Persönlichkeit zusammensetzt“ eine Trauma-Theorie geboten?
Van
der Hart: Da war ich
noch gar nicht bei dem Thema Trauma. Zwar konnte ich schon sehen, dass
Dissoziation und Trauma eng zusammen hingen, aber ich war an Hypnose-Themen und
an den verschiedenen Bewusstseinsebenen interessiert, in denen Wissen
gespeichert ist. Dass man manchmal etwas bewusst weiß, was in anderen
Situationen unbewusst ist. Dass also das Unbewusste tatsächlich etwas „manchmal
Bewusstes“ ist, also nur eine andere Ebene oder ein anderer Teil, der durchaus
– das wusste ich aus der Erfahrung als Hypnotherapeut – bewusst sein oder
werden kann. Dann beschäftigte mich der Unterschied zwischen Hilgards
Dissoziationstheorie – er sagt ja, Dissoziation sei ein normales Phänomen – und
der Dissoziationstheorie von Janet, der Dissoziation als pathologische
Aufteilung beschrieben hat. Janet beschrieb, wie Hypnotisierbarkeit verschwindet,
sobald die PatientInnen die dramatischen Erinnerungen und andere Teile ihrer
Psyche integriert und somit die Dissoziation ihrer Persönlichkeit aufgelöst haben.
Wenn diese Erinnerungen integriert sind, können diese Menschen nicht mehr in
den Zustand zurück, in dem sie erst etwas erleben und danach dafür amnestisch
sind.
Huber: Ursache der pathologischen Dissoziation
ist Trauma?
Van
der Hart: Trauma und
offenbar andere krankmachende Faktoren, vielleicht gibt es dafür auch noch
andere Faktoren, das wissen wir noch nicht. Trauma jedenfalls ist ein solcher
Faktor, der pathologische Dissoziation auslöst.
Huber: Pathologische Dissoziation – ein solcher
Ausdruck gefällt natürlich denjenigen oft nicht, die dissoziieren und das als
positiven Überlebensaspekt wahrnehmen oder darstellen.
Van
der Hart: Wir wollen
damit die Überlebenden nicht klein machen, aber auch der tiefe Respekt für den Überlebensaspekt
darf uns nicht daran hindern, wissenschaftlich zu denken, und es spricht alles
dafür, dass Dissoziation im wesentlichen ein pathologisches Phänomen ist, das
unter extremem Stress auftritt.
Huber: Wie bist du dazu gekommen als Kliniker,
dich so genau für dieses Phänomen zu interessieren, das ja deine
Forschungsarbeiten sehr vorwärts getrieben hat.
Van
der Hart: Aus meinem
persönlichen, familiären und politischen Hintergrund heraus wollte ich zur
Entlastung von Leid beitragen, und wer sich für das Heilen interessiert, muss
ja das Leiden untersuchen. Zurückblickend würde ich sagen: Wenn ich es noch
einmal machen könnte, würde die Forschung einen noch größeren Anteil in meinem
Leben haben. Drei Tage in der Woche als Therapeut zu arbeiten und die
Verpflichtungen als Hochschullehrer ließen mir leider wenig Zeit für die
Forschung, obwohl sie mir so wichtig ist. Das Lesen der Arbeiten anderer
beantwortet ja nicht alle meine Fragen, und den Fragen nachzugehen, die mir
dann bleiben, ist etwas, das mir zutiefst Freude macht.
Huber: Dabei hast Du ja sehr viele Arbeiten
verfasst und Forschungsprojekte durchgeführt oder dich an ihnen beteiligt, die
ausgesprochen anregend für uns KollegInnen waren – und hast dich dann auch
fachpolitisch eingesetzt, etwa als Präsident der ISTSS. Das sind ja viele
Arbeitsfelder neben den genannten als Psychotherapeut und Hochschullehrer.
Van
der Hart: Ja und ich bin
teilweise sehr viele Verpflichtungen eingegangen, etwa Präsident der
niederländischen Fachgesellschaft für Hypnose oder die Mitherausgabe von
Fachzeitschriften. Selbstkritisch muss ich hinzufügen: Als Ehemann und
Familienvater habe ich meine Familie unter meinen zahlreichen Aktivitäten durchaus
leiden lassen. Dennoch bin ich aus tiefer Überzeugung sehr engagiert, etwa als
ehemaliger Präsident in der International
Society for Traumatic Stress Studies (ISTSS). Aus zwei Gründen: Zum einen
finde ich es wichtig, dass Gesellschaften, die den Begriff „International“ im
Titel führen, auch international besetzt und geführt werden und nicht nur als nordamerikanische
Gesellschaften.
Und zum anderen habe ich beobachtet, dass
diese Gesellschaft sich mit dem, was Typ I-Trauma genannt wurde, sehr intensiv
beschäftigt hat, also einmalige Vergewaltigungen, Raub, „Shell Schock“ bei
Soldaten und so weiter. Gleichzeitig aber arbeiten die meisten Mitglieder
dieser Gesellschaft hauptsächlich mit anderen, komplexeren Traumatisierungen,
die sie offiziell eher stiefmütterlich behandelt haben, also wollte ich auf
diese komplexeren Traumaarten und –folgen hinweisen.
Huber: In der Tat ist es ja, wie die
neurobiologischen und –physiologischen Forschungen uns bestätigen, auf
bedeutsame Weise verschieden, ob ein Mensch als erwachsenes Selbst ein Trauma
erlebt oder ob durch frühen extremen Stress die Persönlichkeit gar nicht erst
zu einem kohärenten Selbst zusammen wächst. Früher haben wir gedacht: Gewalt
sprengt eine Persönlichkeit auf. Heute wissen wir: Frühe Gewalt lässt die
Persönlichkeit gar nicht erst zusammen wachsen. War dir dies schon länger klar?
Van
der Hart: Nein, nicht am
Anfang. Ich glaube, eine wichtige Quelle waren die Arbeiten von Frank Putnam
für mich, dann kamen andere Arbeiten hinzu. Das eine ist die mangelnde Kohärenz
durch Stress. Mindestens ebenso bedeutsam aber sind die Bindungsaspekte: Wenn
ein Elternteil dem Kind vermittelt: „Du bist ein Nichts“ oder „Du bist nur gut
als Sexobjekt“ oder „Alles ist deine Schuld“. Solches Verhalten bringt ein
unsicheres oder desorganisiertes Bindungsmuster beim Kind hervor.
Huber: Die Neurowissenschaften, die
Bindungstheorie und die Dissoziationstheorie hast Du gemeinsam mit Ellert
Nijenhuis, Kathy Steele und anderen in einer Hinsicht weiterentwickelt, nämlich
zur strukturellen Dissoziationstheorie. Wie ist es dazu gekommen?
Van
der Hart: Seit etwa
Huber: Kanntest Du damals schon das Buch von
Charles Myers von
Van
der Hart: Erst las ich
Janet, und dann bekam ich das Buch dieses britischen Militärpsychologen Charles
Myers in die Hände – er war übrigens auch Experimentalpsychologe in Cambridge.
Bei seinem Fronteinsatz bestand seine Aufgabe darin, sich um akute emotionale
Probleme der Soldaten zu kümmern. Er ist derjenige, der den Begriff „Shell
Shock“, also Granatenschock erfunden hat. Später hat er bedauert, dass dieser
Begriff sich verselbständigt hatte. Denn die – heute würden wir sagen akuten
und posttraumatischen – Belastungssymptome bilden sich auch bei Soldaten aus,
die nicht in der Nähe von explodierenden Granaten gewesen sind. Der Begriff ist
einfach falsch. Ja, seine Beschreibung der anscheinend normalen und der
emotionalen Persönlichkeit als zwei Bereiche, in die sich Persönlichkeit nach
Trauma aufteilt, war sehr wichtig für uns. Die beiden wichtigsten
Symptom-Cluster der PTBS, also das Wiedererleben des Traumas und die dauerhafte
Vermeidung von Reizen, die mit dem Trauma zu tun haben, können ja leicht in
Myers strukturelles Modell der Traumatisierung übersetzt werden. Auch war es
uns möglich neue Erkenntnisse aus den
Neurowissenschaften in dieses Strukturmodell zu integrieren.
Huber: Wobei frühe, kontinuierlich traumatisierende
Umwelten wie etwa eine Misshandlungsfamilie, in der ein Kind groß wird, noch
weitere Aufteilungen erzwingt, so dass ein „Persönlichkeitssystem“ entstehen
kann – war das für dich, der du ja auch als Familientherapeut gearbeitet hast,
eine wichtige Erkenntnis?
Van
der Hart: Eine sehr
wichtige. Als ich erst einmal mit zwanzig, dreißig Familien gearbeitet hatte,
hörte ich auf, eine Familie als eine Ansammlung von Individuen zu betrachten,
sondern sah sie als ein System, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Systemisch
mit Einheiten eines größeren Ganzen zu arbeiten, war mir also vertraut. Und als
ich dann multiple Persönlichkeiten kennen lernte, fiel es mir nicht schwer,
systemisch mit ihnen zu arbeiten. Wobei dann natürlich viele Fragen auftauchten
wie: Alltagsperson oder ANP und Trauma-Anteile oder EP(s) als Grundeinteilung
gut und schön - aber wie ist es genau bei komplex traumatisierten Menschen?
Hier fühlte ich mich wie das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern,
wenn die geschätzten Kollegen apodiktische Feststellungen in der Art trafen:
Multiple Persönlichkeiten gibt es gar nicht – eine Behauptung, die durch
keinerlei wissenschaftliches oder
gesundes klinisches Wissen gestützt sein konnte.
Huber:
Das ist ja interessant.
Ist das auch dein Lieblingsmärchen? Diese Haltung: „Der hat ja gar nichts an!“
Dieses Anti- oder besser Un-Autoritäre, das in diesem Märchen zum Ausdruck
gebracht wird?
Van
der Hart: Entwicklung in
vielen Bereichen des Lebens und der Wissenschaft hängt ja davon ab, dass man
eine solche Einstellung einnimmt, nicht wahr? Dieses: „Ja, von mir aus mögt ihr
meine Beobachtung oder meine Frage dumm nennen oder den Kopf darüber schütteln,
dass ich nicht automatisch eurer Meinung bin, aber ich denke: So stimmt es
nicht.“ Diese Pseudo-Naivität des Infragestellens angeblich
selbstverständlicher Wahrheiten hilft mir, und ich habe viele, viele Fragen,
von denen erst einige beantwortet sind. Manchmal ist es entscheidend, einfach
nur bei der Beobachtung zu bleiben und sich noch einmal ganz neu aus
unterschiedlichen Blickwinkeln zu fragen, wie die Dinge zusammenhängen; diese
bodenständige basale Vorgehensweise ist mir wichtig, das ist meine Art, an
Theoriebildung heranzugehen.
Huber: Und so habt Ihr aufgrund dieser „basalen
Vergehensweise“ herausgefunden, dass strukturelle Dissoziation der
Persönlichkeit in jeder Form der posttraumatischen Belastungsstörung eine
entscheidende Rolle spielt. Müsste sich das nicht auf Diagnose-Handbücher wie
ICD oder DSM auswirken, die ja andere Einteilungen vornehmen, etwa die
Posttraumatische Belastungsstörung unter den Angststörungen aufführen oder die
dissoziative Identitätsstörung mit hysterischen Störungen in Verbindung
bringen?
Van
der Hart: Oh, bei den
hohen Herren des ICD und des DSM mit ihren eigenen Vorstellungen und
politischen Auseinandersetzungen habe ich wenig Hoffnung, dass sie sich mit
einer solch „einfachen“ Sichtweise anfreunden können, wie sie die Einteilung in
drei Komplexitätsgrade bei der strukturellen Dissoziation beinhaltet. Für mich
aber ist diese Einteilung in zunehmende Komplexitätsgrade struktureller
Dissoziation extrem hilfreich, weil sie sich auch auf die notwendigen
therapeutischen Bearbeitungsschritte auswirkt. So besteht für mich die einfache
Posttraumatische Belastungsstörung in einer ANP und im wesentlichen einer EP.
Doch wenn Traumata früher beginnen, länger andauern oder von brutaler Natur
sind, kann die Persönlichkeit des Opfers sich aufspalten in eine „Anscheinend
Normale Persönlichkeit“ ANP, welche
den Alltag regeln muss und in mehrere „Emotionale Persönlichkeiten“ EPs. So kann zum Beispiel ein EP den
größten Teil der Angst und der Schmerzen aus der traumatischen Erfahrung
enthalten, ein anderer EP die Wut des Täters und wieder ein anderer Teil eine
depersonalisierte Beobachterhaltung, um nur einige Beispiele zu nennen. Und
dann gibt es unserer Überzeugung nach noch einen dritten Komplexitätsgrad
struktureller Dissoziation, nämlich dann, wenn es aufgrund der langjährigen
schweren Traumatisierung von Kind an notwendig war, dass die Heranwachsende
mehrere alltagstaugliche Persönlichkeitsanteile getrennt voneinander entwickelte
und mehrere EPs. Dann sprechen wir von dissoziativer Identitätsstörung.
Huber: Auf der zweiten Ebene – also ein
Alltags-Ich und unterschiedliche „Zustände“ oder „Anteile“, in denen die
Persönlichkeit trauma-nah denkt, fühlt und sich verhält, befinden wir uns
bereits auf der Ebene der komplexen Traumastörungen. Ebene drei ist dann
ausschließlich die dissoziative Identitätsstörung.
Van
der Hart: Ja, und meiner
bescheidenen Meinung nach gibt es weitaus mehr Menschen, deren Persönlichkeit
auf der zweiten Ebene der strukturellen Dissoziation organisiert ist, als
multiple Persönlichkeiten, also Ebene drei. Auf der zweiten Ebene finden wir
viele, auf die die erste Untergruppe der „Nicht näher bezeichneten
Dissoziativen Störung“ nach dem DSM zutrifft: Sieht klinisch wie eine multiple
Persönlichkeit aus, ist aber nicht so weit auseinander entwickelt, dass
tatsächlich mehrere ANPs unabhängig voneinander existieren. Das ist eine andere
Art zu diagnostizieren, als wenn man Punktwerte zusammenzählt in der Art –
jetzt nenne ich fiktive Zahlen: dreißig Prozent Amnesie, vierzig Prozent
Depersonalisation und zwanzig Prozent Derealisation zum Beispiel, wer darüber
liegt, hat eine Dissoziative Identitätsstörung. Ich halte die strukturelle
Dissoziationstheorie hier für bedeutsamer – sie erfordert aber einen guten
klinischen Blick aufgrund von ausreichender klinischer Erfahrung.
Huber: Auf der zweiten Ebene der strukturellen
Dissoziation befindet sich Eurer Theorie nach auch zum Beispiel die
Borderline-Störung.
Van
der Hart: Ja, auch wenn
es einige Menschen gibt, die sowohl eine dissoziative Identitätsstörung haben,
also auf der dritten Ebene dissoziieren, als auch komorbid eine
Borderline-Störung haben. Auf der zweiten Ebene können sich auch einige andere
Persönlichkeitsstörungen befinden, besonders die vermeidende Persönlichkeit,
verschiedene affektive Störungen und so weiter.
Huber: Ihr beklagt ja insbesondere auch, dass
das DSM, das ja international für die Forschungsarbeiten so wichtige
diagnostische Handbuch, die somatoforme Dissoziation praktisch komplett
ausklammert.
Van
der Hart: Das ist meiner
Meinung nach ein richtig schwerer Fehler des DSM IV: Hier werden die
dissoziativen Störungen von den meisten somatoformen Störungen getrennt. Nehmen
wir den einfachen Fall der Konversionsstörung. Hier wäre es wesentlich besser
gewesen, eine einfache Kategorie der „dissoziativen Störungen der Bewegung und
Empfindung“ zu schaffen, die zur einfachen posttraumatischen Belastungsstörung,
also erste Komplexitätsstufe, zugeordnet werden sollte. Außerdem sollte der
klinischen Erfahrung Rechnung getragen werden, dass wir oft erst nach und nach
feststellen, wenn eine Persönlichkeit doch auf einer höheren Stufe der
Komplexität dissoziiert ist, es also mehrere Anteile gibt oder sogar mehrere
Alltags-Ichs. Die akute Belastungsstörung oder posttraumatische
Belastungsreaktion wiederum kann auf Ebene „eins“ angesiedelt sein, sie kann
aber auch so schwerwiegend sein, dass sie auf höheren Ebenen der Komplexität
angesiedelt sein muss. Etwa wenn eine Frau mit einer dissoziativen
Identitätsstörung erneut akut traumatisiert wird – das ist dann auf der dritten
Ebene zu sehen, nicht auf der gleichen Ebene wie eine einfache PTBS.
Huber: Kannst du noch etwas zum notwendigen
„guten klinischen Blick“ sagen?
Van
der Hart: Wenn wir einen
Screening-Fragebogen wie die Dissociative Experiences Scale (DES) oder den Fragebogen
zu Dissoziativen Symptomen (FDS) anwenden bzw. beim Durchführen des Strukturierten
Klinischen Interviews für Dissoziative Störungen (SKID-D) ist es heute
unerlässlich, nicht nur darauf zu achten, wie die Fragen eindimensional
beantwortet werden, sondern dass wir uns auch Beispiele erzählen lassen und
beobachten, ob es Brüche in den Erzählungen gibt. Auch müssen wir darauf
achten, ob die nonverbale Kommunikation widersprüchlich erscheint. Wenn wir
nach anderen Bereichen, Anteilen oder Zuständen fragen, oder danach, ob es für
einzelne Bereiche der Persönlichkeit bestimmte andere Namen gibt, können wir
bei komplex traumatisierten und hoch dissoziativen Persönlichkeiten oft
deutliche Veränderungen im Gesichtsausdruck, in der Körperhaltung, der
Stimmlage etc. beobachten. Vor allem sehen wir dann auch, ob es zu massiveren
inneren Konflikten zwischen verschiedenen Bereichen der Persönlichkeit kommt,
während die Befragten nach außen hin zögerlich antworten. Leider sind die
Fragebogen und Interviews nicht nach der strukturellen Dissoziationstheorie
aufgebaut, enthalten also auch einige Fragen nach anderen Formen von
Bewusstseinsveränderungen wie etwa Absorption, die keine Dissoziation, also
keine Aufteilung der Persönlichkeit, sind. Wichtig also sind zwar einerseits
die Fragen nach den dissoziativen Phänomenen selbst, andererseits aber auch die
konkreten Schilderungen sowie eine sorgfältige klinische Beobachtung.
Huber:
Aus der strukturellen Dissoziationstheorie ergibt sich ja, dass es
wichtig ist, mit dem Teil und durch den Teil hindurch zu arbeiten, der den
Alltag regelt und zu versuchen, in diesen Bereich der Persönlichkeit die
abgespaltenen trauma-nahen EPs zu integrieren, wobei man sicher taktisch
vorgehen muss, also die Alltagsfunktionen nicht destabilisieren darf, aber auch
nicht zu viele „Baustellen eröffnen“ darf, indem man etwa viel mit den
traumatisierten kindlichen Anteilen arbeitet.
Van
der Hart: In der ersten
Phase, das hat schon Janet beschrieben und danach etwa Dan Brown und andere,
wie Erwin Parson, die mit Vietnam-Veteranen arbeiten, und Judith Herman hat es
dann
Huber: Das heißt, dass Therapeuten ein
Verständnis von einem strukturierten Vorgehen in der Traumatherapie haben
sollten. Sie sollten verstehen, dass ein traumatisierter Mensch verschiedene
Teile in seiner Persönlichkeit hat, die er oder sie erst wieder oder sogar zum
allerersten Mal zusammen bringen muss. Wenn sich verschiedene Teile der
Persönlichkeit zeigen, validiert man als Therapeutin oder Therapeut deren
Existenz, ist also zu jedem Anteil freundlich und wertschätzend, konzentriert
sich aber darauf, vor allem mit dem Gesamtsystem zu arbeiten und die
Alltagsfunktionen zu stärken. Wie gehst du dann damit um, dass viele
Persönlichkeitsanteile geradezu „herauspurzeln“ und vom Therapeuten verstanden
und gesehen werden wollen?
Van
der Hart: Eine große
Rolle spielt die Psychoedukation. Die ANP, also der im Alltag agierende Teil
der Persönlichkeit sollte akzeptieren lernen und Rückmeldung darüber bekommen,
dass sie nur deshalb funktionieren kann, weil andere Bereiche der
Persönlichkeit es übernommen haben, den schlimmsten Teil der Erfahrung zu
hüten, aber leider immer noch in der Vergangenheit fest hängen. Das ist oft
notwendig, weil viele traumatisierte Menschen in ihrem Alltags-Ich geradezu
feindselig auf die EPs reagieren, in jedem Fall also phobisch, weil die EPs
Symptome hervorbringen. Die ANP bringt also dem Therapeuten gegenüber zum
Ausdruck: Das will ich nicht haben, wenn das nur weg wäre, würde ich wunderbar
funktionieren und so weiter. In der Therapie geht es dann aber um ein
Verständnis dafür, dass die in der Vergangenheit fest hängenden EP- Anteile
befreit werden, entlassen werden müssen aus dieser Aufgabe, dieser Funktion des
„Weghaltens von Schlimmem“, und dass endlich wieder die natürliche Tendenz zur
Integration, zur Heilung, zu Entwicklung weiter gehen kann. Um da hinzukommen,
ist es nötig, sich von der Aufteilung und dem Festgehaltensein der EPs im
Wiedererleben oder der Reinszenierung des Traumas zu lösen, sozusagen aus dem
Trauma-Gefängnis herauszukommen.
Huber: Mir haben deine Gedanken über die
Bedeutung des „Zeuge Werdens“ gut gefallen: Weil der Mensch nicht Zeuge seiner
eigenen Traumatisierung geworden ist, wird es bedeutsam sein, dass die
TherapeutIn ZeugIn des Traumas wird und hilft, dass auch die Persönlichkeit
selbst das Trauma „versteht“.
Van
der Hart: Ich glaube,
dass der Kern jeder Traumatisierung in extremer Einsamkeit besteht. Im
äußersten Verlassensein. Damit ist sie häufig, bei Gewalttrauma immer, auch
eine Traumatisierung der Beziehungen und der Beziehungsfähigkeit. Eine
liebevolle Beziehung, die in mancher Hinsicht einfach „sicher“ ist, wird
unerlässlich sein, um überhaupt von einem Trauma genesen zu können. Wenn wir
uns das Leben von Kindern vorstellen, die häufig, manchmal täglich, gequält
werden, dann ist das ein Leben voll namenlosem Entsetzen. Wichtig sind wir
Therapeuten zunächst als Zeugen zunächst, so glaube ich, in emotionaler
Hinsicht. Dies ermöglicht der Überlebenden, manche Gefühle erst einmal
vorübergehend auch selbst kennen zu lernen und auszuhalten. Auch Sinneserfahrungen
und Bilder werden zumindest in einigen Teilen vom „Zeugen Therapeuten“ erlebt,
anerkannt, realisiert, und kehren zur Überlebenden zurück, so dass sie oder er
sich gesehen und anerkannt fühlt. Wenn ultimative Einsamkeit und Verlassenheit
ein wesentlicher Bestandteil der Traumatisierung ist, dann ist ein anderer,
nicht gesehen zu werden, sich in einem imaginären Gefängnis zu befinden. Die
EP-Teile der Persönlichkeit erleben es so: Da geht der ANP-Teil durch den
Alltag und tut so, als sei nichts geschehen, und weigert sich zu sehen und anzuerkennen,
wie schlecht es den traumagebundenen Anteilen der Persönlichkeit geht. Dabei
kann das Gesehen- und Anerkanntwerden durch den Therapeuten oder die
Therapeutin wesentlich dazu beitragen, dass die Überlebende diese Bereiche in
sich auch anerkennen, trösten, versorgen und wertschätzen kann.
Huber: Manchmal haben wir TherapeutInnen ja den
Eindruck, dass die erwachsene Position in den komplex traumatisierten
KlientInnen sehr schwach ausgeprägt ist, dass es sich eher um ein
„Als-ob-Erwachsensein“ handelt, weil eine ANP so tut, als sei sie „jemand
Erwachsenes“. Von daher scheint es einerseits wichtig zu sein, dass wir gute
Vorbilder sind, andererseits dürfen wir nicht zu sehr „Elternfigur“ für das
Kindliche in ihnen sein.
Van
der Hart: Ja genau, oder
ein „Babysitter“. Die ANP hat bei Komplextrauma ja „Entwicklungs-Löcher“, und
durch die gemeinsame Arbeit mit dem Therapeuten gibt es das wichtige
Modell-Lernen, das die Weiterentwicklung fördert.
Huber: Andererseits arbeiten viele Therapeuten
ausschließlich mit dem erwachsenen ANP-Anteil und sagen zu diesem Teil: „Sie
sind ja jetzt erwachsen, Sie müssen die Verantwortung übernehmen.“
Van
der Hart: Wenn jemand
das macht, frage ich zurück: Und wie, glauben Sie, soll dann die ANP die
Traumatisierungen überwinden, die von den EPs „gehütet“ werden? Wenn ich in
Kontakt mit der ANP bin, gibt es gleichzeitig Reaktionen der EPs, und wenn ich
nicht ständig das Systemische in der Gesamtpersönlichkeit der komplex traumatisierten
PatientIn wahrnehme, dann kann ich meine Arbeit nicht richtig tun. Denn ich
muss ja den Kontakt zwischen ANP und EPs fördern und moderieren, damit innere
Heilung stattfinden kann. Gleichzeitig kann ich natürlich nicht hergehen und
die EPs „herausrufen“, denn es geht ja darum, dass die ANP sie wahrnehmen und
akzeptieren, sie annehmen kann. Ich denke da z.B. an das Buch „Miss America by
Day“, in dem Marilyn van Derbur beschreibt, wie sie tagsüber als Miss America
funktionierte, während sie nachts von ihrem Vater sadistisch misshandelt wurde.
Die ANP, wie ich sie nennen würde, Miss America, wurde immer wieder von
furchtbaren Panikattacken heimgesucht, und es war wichtig, dass sie dieses
Kind, das da in ihr die schrecklichen Erfahrungen immer wieder erlebte,
verstand, ihm zuhörte und es integrierte. Hätte man nur mit der Erwachsenen
gearbeitet, wäre die Integration nicht möglich gewesen.
Huber:
Mit der Alltags-Person
zu arbeiten, also dem Ich, das funktionieren, sich binden, lernen kann, ist von
großer Bedeutung, vor allem auf der Ebene eins und zwei, während bei der
dissoziativen Identitätsstörung durch die Spaltung in mehrere ANPs (noch)
systemischer gearbeitet werden muss?
Van
der Hart: Leider wird
nicht selten vergessen, dass auch auf der zweiten Ebene der Dissoziation, also
bei Komplextrauma, großer Wert auf die direkte Arbeit mit der ANP gelegt werden
sollte, statt schnurstracks auf das Trauma zuzusteuern und die EPs
„hervorzuzerren“. Wir müssen die ANP sozusagen „coachen“, bessere Beziehungen
zu den Anteilen zu bekommen, die EPs sind, statt direkt mit den EPs zu arbeiten.
Das zu betonen, ist mir sehr wichtig. Und
in der Zeit wo sich diese inneren Beziehungen entwickeln, sollten die Inhalte traumatischer
Erfahrungen nicht erwähnt werden.
Huber: Wie überwindet man diese Phobie vor dem
„schrecklichen Innenleben“, wenn man eine ANP ist oder als TherapeutIn mit
diesem phobischen Erwachsenenanteil zu tun hat, der sich mit diesem Bereich in
sich nicht auseinander setzen will?
Van
der Hart: Zunächst, indem
wir die ANP nicht nötigen, kontraphobisch zu handeln. Erst einmal geht es ja
darum, allgemein zu verstehen, warum sie solche Angst vor den anderen Bereichen
oder Anteilen in sich hat. Viele unserer Reaktionen sind ja konditionierte
Reflexe auf die Bedingungen, die wir vorfinden. Sich „vernünftig“ und
alltagstauglich verhalten zu können, ist ja eine Qualität, die dem Überleben
unmittelbar hilft, und wenn eine ANP von ihrer Phobie spricht, frage ich: „Was
macht Ihnen da Angst?“ und höre zu. Wenn sie dann zum ersten Mal Worte für
diese phobische Reaktion findet, sind wir schon auf dem Weg, sie zu überwinden.
Statt Reaktivität wird sich die Reflexionsfähigkeit entwickeln und von da an
eine adaptiveres, von innen gesteuertes Handeln. Nach einer Weile können wir fragen, welche EP
welche traumatischen Erfahrungen der ANP mitteilen will oder kann, manchmal ist
es auch nur ein bestimmter Aspekt einer traumatischen Erfahrung. Wir können da
fragen, welche Anteile dabei sein sollten und welche an ihre sicheren Orte gehen.
Mit anderen Worten, wir sind ein gemeinsam handelndes Team, das zusammen
überlegt, was wann wie und unter welchen Umständen verstanden werden sollte.
Wenn wir stets das adaptive Funktionsniveau der ANP im Blick behalten und ihr
nur das zumuten, was sie tragen kann, wird der Abstand zwischen ANP und EPs
immer geringer.
Huber: Es gibt ja im therapeutischen Prozess
eine Fülle von Phobien unterschiedlicher Art zu überwinden, die innerhalb der
komplex traumatisierten Person existieren.
Van
der Hart: Ja, und alle müssen nach und nach überwunden
werden: Die Phobie vor dem „Innenleben“, die Phobie vor dem Trauma, vor den
EPs, der EPs untereinander und vor der ANP, die Phobie vor dem körperlichen
Fühlen, vor der Beziehung zur TherapeutIn, vor der Erkenntnis, vor den
Konsequenzen. Später in der Therapie dann die Phobie vor dem normalen Leben,
vor Veränderungen, gesunder Risikobereitschaft und Intimität …. Wir
haben also gut zu tun.
Huber: Was geschieht dann in der
Traumasynthese, ein Begriff, der ja von Euch strukturellen
Dissoziationstheoretikern stammt? Es geht ja um mehr als nur eine
„kontrollierte Abreaktion“, wie Richard Kluft es einmal genannt hat.
Van
der Hart: Ja, ich
glaube, es geht darum, eine Handlung, die unterbrochen wurde, zu vollenden: Die
des mentalen und körperlichen Verstehens und Beendens der traumatischen
Situation, die sich sonst in den EPs stets aufs Neue wiederholt. ANP und EPs
müssen das gemeinsam mit Hilfe des Therapeuten in einer sicheren Umgebung tun.
Das Ziel ist Integration, nicht der Ausdruck von so viel Affekt wie möglich.
Letzteres könnte nämlich sonst zu einer Retraumatisierung führen.
Huber: Und wie?
Van
der Hart: Einfach
ausgedrückt muss die ANP, während sie die traumatische Situation in den
entscheidenden Elementen noch einmal wahrnimmt, in der Gegenwart verankert
bleiben, ein Gefühl der Sicherheit in dieser Gegenwart empfinden, im Kontakt
mit der TherapeutIn sein und es der oder den EPs ermöglichen, ihre Erfahrungen
und Handlungen aus der traumatischen Situation mit der ANP und untereinander zu
teilen; gleichzeitig können die EPs dank des Gefühls der ANP, in der Gegenwart
sicher zu sein, zum ersten Mal realisieren, dass das Trauma wirklich aufgehört
hat.
Huber:
Wie lernt der oder die
Betroffene, dass „es vorbei ist“?
Van
der Hart: Jedenfalls
nicht, indem wir es einfach nur sagen. Dass hat die Person sich sicher schon
häufig gesagt. Sondern die ANP, der Therapeut als Zeuge und der oder die EPs führen
die bislang unbeendeten traumatischen Aktionen aus, auf einer mentalen Ebene.
In dieser Wahrnehmung des Traumas bis zu seinem Ende können intensive Gefühle
eine Rolle spielen, oder Bewegungen, es kann sein, dass die Person einen lauten
Schrei ausstößt etc. Das ist aber nicht der Zweck der Synthese, sondern eher
eine Begleiterscheinung. Würde man der PatientIn zu diesem Zeitpunkt den
Blutdruck messen, so würde man beispielsweise
merken, wie viel sich in ihrem autonomen Nervensystem abspielt.
Huber: Traumabearbeitung einfach nur aus der
Beobachterposition heraus, wie es manche KollegInnen vorgeschlagen haben, genügt
also nicht?
Van
der Hart: Es muss immer
ein gewisses Maß an Affekt, an Stressgefühlen, Schmerzen etc. – die
Einzelheiten hängen von der ursprünglichen traumatischen Erfahrung ab - dabei
sein, um erfolgreich zu sein. Gleichzeitig darf aber das „Window of tolerance“,
die integrative Kapazität des Individuums und seines autonomen Nervensystems
und Gehirns, nicht überfordert werden. Also ist es hilfreich, wenn ich das
Trauma in Abschnitten oder Sequenzen bearbeite. Schließlich geht es nicht um
Abreaktion, also nicht darum, sozusagen den „Dampf rauszulassen“, sondern um
eine integrative mentale Aktion, die sehr viel vom Patienten abverlangt.
Huber:
Wenn sich das Trauma – etwa als Kind vergewaltigt worden zu sein – immer
und immer wieder wiederholt hat, muss man dann alle diese Episoden bearbeiten?
Van
der Hart: Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, den
schlimmsten Schmerz, die schlimmste Angst zu sterben, oder vor Ersticken etc. –
wobei natürlich die PatientIn selbst diese schlimmsten Momente benennt, nicht
ich – herauszufinden, die Erfahrungen also, die ich die „pathogenen Kerne“
nenne. Wenn man die auslässt, gelingt die Integration sonst nicht oder nur
unzureichend. Also bereite ich meine KlientIn darauf vor, die pathogenen Kerne
ihrer traumatischen Erfahrungen, das bedeutet eine komplex traumatische Erfahrung
oder eine Reihe von mehr oder weniger ähnlichen traumatischen Erlebnissen, zu
bemerken. Häufig gibt es auch eine innere Helfer- oder Beobachter-Instanz, die
dabei behilflich sein kann. In der Traumasynthese fokussieren wir diese
gemeinsam als pathogene Kerne erkannten Bestandteile der vielen
Traumasituationen.
Huber: Kannst du ein Beispiel nennen, wie du
das machst?
Van
der Hart: Wenn wir
vorbereitet sind – d. h. was muss an sichere Orte, welche Bestandteile der
Persönlichkeit werden die Erfahrung mit der ANP teilen etc. – konzentrieren wir
uns z.B. auf den schlimmsten Schmerz. Dann frage ich: Sind alle Anteile
anwesend, die diese Erfahrung teilen sollen, die Erfahrung des Schmerzes? Nehmt
Euch Zeit Euer Arrangement zu treffen, wie dieses Teilen stattfinden soll. Wenn
alles bereit ist, könnte ich z.B. zählen: „Eins: Teilt diesen Schmerz
miteinander, zwei: bringt die Erfahrung zusammen, macht daraus ein Ganzes, drei:
bringt die Erfahrung zusammen, teilt sie miteinander, vier: bringt es zusammen,
macht daraus ein Ganzes, fünf: das kleine Stück, das ihr jetzt miteinander
teilen könnt – und stopp, lasst es los, kontrolliert Eure Atmung.“ Ich könnte
also mit dieser Frequenz und Intensität beginnen, dann überprüfen wir: War ich
zu schnell, sollte ich langsamer sprechen…um das Maß zu modulieren, das die
KlientIn jetzt in sich aufnehmen kann. Und dann frage ich danach, wie viel
Prozent des Schmerzes jetzt miteinander geteilt worden ist.
Huber:
Ist es nicht
erstaunlich, dass die Betroffenen nach einer solchen Arbeit immer sagen können,
wie viel Prozent es war?
Van
der Hart: Ja, immer
bekomme ich eine Antwort.
Huber: Das heißt ja, dass die Menschen ein
Gefühl dafür haben, wenn sie einmal in das Gefühl sozusagen „hineingeschmeckt“
haben, wie viel hundert Prozent war. Woran merkst du, dass die Traumasynthese
genug war, dass sie gelungen ist?
Van
der Hart: Schon Janet
hat beschrieben, dass nach einer Serie von mentalen Aktionen ein Gefühl der
Beendigung eintritt, das ist bei Traumapatienten kein fröhliches Ereignis,
sondern eher ein Gefühl der Entlastung, des Loslassens, manchmal verbunden mit
Trauer. Wenn das der Fall ist, biete ich an, die Bereiche in sich zu trösten,
die das erlebt haben. Integration findet auf der sensumotorischen Ebene statt,
und es geschieht zweierlei. Einmal das, was Janet „Personifikation“ genannt
hat: Die Person wird „Eigentümerin“ dieser Erfahrung. Und zum anderen „Präsentifikation“,
das bedeutet: Das Trauma wird in einen zeitlichen Kontext platziert, der sich
vom heutigen Zustand unterscheidet. Beide Vorgänge erfordern noch deutlich mehr
als nur ein paar Traumabearbeitungssitzungen. Es bedeutet, die Erfahrung, wie
Janet sagte, „in die eigene Autobiografie hineinzuschreiben“.
Huber: Das dauert.
Van
der Hart: Ja, unbedingt,
das dauert und sollte nicht forciert werden. Häufig braucht man Zeit zwischen
den Traumasynthesen, um festzustellen, wie weit die Traumageschichte jetzt
realisiert ist – oder integriert, wie wir heute sagen. Und stets muss das Leben
heute besonders beachtet werden, schließlich wollen wir ja, dass die Menschen
in der Gegenwart gut verankert sind.
Huber:
Wir leben, was die
Forschung zu Traumatisierungen angeht, in einem aufregenden Zeitalter.
Van
der Hart: Und wie.
Manchmal bedauere ich es, dass ich schon so alt bin, aber ich würde zu gern die
weiteren Ergebnisse der Neurowissenschaften verfolgen und in meine Forschung
einbeziehen, etwa zu der Frage, die gegenwärtig diskutiert wird: Auf welchen
Ebenen der Hirnfunktionen bleibt die Traumaerfahrung sozusagen stecken? Heute
bin ich aufmerksamer dafür, welche Ebenen der Hirnfunktionen beeinträchtigt
oder dysfunktional außer Kraft gesetzt sind durch Trauma, auf welchen Ebenen
sich Intrusionen abspielen, wo überall das Trauma auf welche Weise wiedererlebt
wird und welche schonenden Interventionen helfen. Traumaforschung und die
qualifizierten Traumatherapien können einer Gesellschaft viel Geld sparen –
natürlich geht es in erster Linie um anderes, etwa Lebensqualität, aber in
unserer Gesellschaft spielt das Geld ja eine große Rolle, also sollten wir das
auch immer wieder herausstellen. Insgesamt finde ich es sehr wichtig, dass alle
in diesem Feld Arbeitenden sich besser koordinieren, damit es nicht nur ein
paar wenige Spezialisten sind, die Tag und Nacht arbeiten. Das Wissen um Trauma
und die Verarbeitung von Trauma sollten Allgemeingut werden, gehören in die
Ausbildung aller Gesundheits- und Sozialarbeiter, Psychiater und klinischen
Psychologen. Wir tragen mit unseren Fortbildungen, Büchern und
Veröffentlichungen dazu bei, nicht wahr?
Huber: Im Namen der deutschen Kollegen möchte
ich mich ganz herzlich bei dir bedanken. Wir verdanken dir in Deutschland sehr viel;
deine Erkenntnisse und deine stetige Unterstützung haben uns erst in die Lage
versetzt, die KollegInnen hier im Bereich Komplextrauma so sorgfältig zu
unterrichten und zu unterstützen. Und wir freuen uns darauf, weiter von dir zu
lernen. Herzlichen Dank.